12.11.2006 Wetterauer Zeitung
Brilliante Bilder hinter bildschönen Balladen

Claus Dethleff und Markus Zimmermann inszenieren im "Überflieger" Musik von Songpoet Tom Waits


  Bad Nauheim (hau) Wer die Musik von Tom Waits kennt, muss sie lieben oder hassen. Mit der Reibeisenstimme eines musikalischen Landstreicherssammelt einer der wohl kreativsten Songpoeten unserer Zeitseit über dreißig Jahren Geschichten vor allem von denen auf, die im Rinnstein des amerikanischen Traums liegen. Wie kaum ein Zweiter malt er mit seiner Musik eindringliche Bilder aus Leidenschaft und Melancholie.
  Einer, der mit der vielschichtigen Tiefe der lebenden Legende schon lange schwanger ging, ist der Dresdner Musiker und Kabarettist Claus Dethleff. Zusammen mit Pianist Markus Zimmermann ist ihm nun ein einzigartiges Tom- Waits- Programm gelungen. Ein Jahr lang wurde die fesselnde Kombination aus Liederanend und Kleinkunst unter dem Titel "Eggs & Sausage" auf diversen Klein- und Großkunstbühnen gefeiert. Jetzt wurde das Programm zwei Abende lang in der "Brasserie Überflieger" für eine Live- CD aufgezeichnet. Die hochsensible Hommage verschlug dem badestädtischen Publikum schlichtweg den Atem und sorgte, wie es die Presse schon schrieb, für "kollektive Gänsehaut".


  ""Wer Tom Waits verstehen will, muss diese zwei hören" hatte "Überflieger"- Chef Volker Lüdke prophezeit. Tatsächlich ist es Claus Dethleff und Markus Zimmermann gelungen, ihre Auswahl aus dem unerschöpflichen Fundus bildschöner Balladen mit Geschichten und Bildern hinter der Musik anzureichern. Aus 33 Jahren Tom- Waits- Musik schufen sie eine faszinierende Inszenierung. "Musiktheater" trifft das Ergebnis einjähriger harter Arbeit nur ungenügend, wenngleich die Elemente Musik, Schauspiel, Requisite und Theaterkulisse allgegenwärtig sind. Schlüpft Dethleff nach 30 Jahren Bühnenerfahrung auch mit rauher Stimme, bizarren Bewegungen und beständig wechselndem Outfit mal in die Rolle des Tom Waits, mal in die seiner besungenen schrägen Typen, so kommt er doch immer wieder auch gerne zu sich selbst. Und zu den Geschichten hinter den Songs.
  Im fliegenden Wechsel bedient der Sämger Schlagwerk, Bluesharp, Akkordeon und Gitarre, derweil Zimmermann mir viel Fingerspitzengefühl als ruhender Pol am Klavier brilliert. Die eigenen Arrangements kommen Waits mal ganz nah,,entfernen sich im nächsten Moment bewusst weit weg und kehren von schrill bis romantisch zurück zum Original. Sie erzählen von Einsamkeit, Heimatlosigkeit und von Erinnerungen, die immer kleiner werden wie ein davonratternder Zug. Oder vom betrunkenen Klavier, von der Friedhofspolka für Onkel Vernon, der verbotenen Vorliebe eines Fotografen für die kleine Alice und den Resten der Nacht, die sich im "Diner" bei "Eggs & Sausage" treffen. Diese Welt zwischen Tag und Nacht war es auch, die Rita Richter zu ihrem schönen Bühnenbild in Anlehnung an das "Nighthawks"- Gemälde des großen Edward Hopper inspirierte.
  Fehlen durften natürlich nicht die Waits- Klassiker Tom Traubert's Blues und Downtown Train, denen auch Rod Steward zu Popularität verhalf. Dem persönlichen Lieblingssong, den "Swordishtrombones" von 1983, hatte das Duo eine schmissige Ragtime- Version zugedacht, um im Laufe des Abends auch des Songschreibers, Komponisten und Schauspielers "Stilhäutungen" zwischen sentimentalen Melodien und exzentrischer Geräuschmalerei nachzuvollziehen. Viele weitere Waits- Werke warten nur darauf, von Dethleff/Zimmermann in Szene gesetzt zu werden. Der Fan darf sich freuen und Zufallsbekanntschaften auch.