09.11.2004
Romantiker der Rinnsteinlachen
Die Songs von Tom Waits im Theater Atrium im Fallenbrunnen Friedrichshafen
Claus Dethleff schlüpfte sehr überzeugend
in die Haut von Tom Watis.
Ich habe noch keinen getroffen, der eine Frau rumgekriegt hätte, bloß
weil er ein Tom-Waits-Album besitzt", hat Tom Waits in den 70er Jahren
gesagt. Und weiter: "Ich besitze schließlich alle drei und es hat
mir noch nie was genützt." Das ist wohl wahr; schließlich
hat die Stimme dieses Sängers ja auch den Klang eines durchgerosteten
Auspuffs. Wahr ist aber auch, dass viele Waits-Stücke hinter ihrer knarzigen
Fassade ebenso komplex wie romantisch sind. Ein ganzes Jahr intensiver Proben
hat Claus Dethleff zusammen mit dem Pianisten Markus Zimmermann darauf verwendet,
der Musik von Tom Waits gerecht zu werden. Das Ergebnis hat es in sich: Wer
das Programm "Eggs & Sausage" erlebt hat, der hat Tom Waits'
Musik vielleicht zum ersten Mal wirklich verstanden.
Schon das anspielungsreiche Bühnenbild dringt in die Tiefe der Stücke
vor: Eine riesengroße, handgepinselte Version von Edward Hoppers Gemälde
"Nighthawks" spannt sich über den Hintergrund. Hoppers Bild
der verlorenen Nachtschwärmer in einer Bar inspirierte Waits 1975 zum
Text seines Songs "Eggs and Sausage". Auch der Grabstein von Onkel
Vernon steht da - das ist eine schräge Type, die in einem von Waits'
Texten mit dem Akkordeon auf dem Schlachthof rumlungert. Und zuletzt ist da
noch das Schild "Burma Shave": jene Werbetafel für Rasierschaum,
die in Waits' gleichnamigem Song an der Straße eines gottverlassenen
Nests steht - wie ein Wegweiser zu einem verheißungsvollen, aber unerreichbaren
Ort des Glücks.
Das Scheitern gehört bei Tom Waits nun einmal zur Sehnsucht wie das Eis
in einen Drink. Und so singt Claus Dethleff denn auch mit der Stimme eines
geprügelten Hundes, der noch ein letztes Mal bellt, ehe er liegen bleibt.
Zur feinfühligen Klavierbegleitung von Markus Zimmermann erschafft Claus
Dethleff für "Burma Shave" eine suggestive Stimmung, in der
Romantik und Verzweiflung, Dramatik und Ausweglosigkeit zugleich anklingen.
Dabei ist Dethleff klug genug, zwischen den Stücken ganz er selbst zu
bleiben. Anstatt in eine gezwungene Rolle zu verfallen, nutzt er die Zeit
für Hintergrundinformationen. Wer hätte schon gewusst, dass der
Schriftsteller Lewis Carroll Fotograf gewesen ist, ehe er seinen Kinderbuchklassiker
"Alice im Wunderland" geschrieben hat? Wer wusste von seinen pädophilen
Neigungen, von seiner ausweglosen Liebe zu eben jener Alice, die er unzählige
Male fotografiert hat? Claus Dethleff bringt die wenigen erhaltenen Fotografien
des Mädchens auf die Bühne - und gibt so dem Drama ein Gesicht,
das Tom Waits in seiner Ballade "Alice" vertont hat. Umso mehr leidet
man mit jedem Wort, das Claus Dethleff singt. Dass man dabei ganz in die Gedankenwelt
des pädophilen Fotografen eintaucht, ist eine besonders heimtückische
Falle.
Da Dethleff und Zimmermann nicht mit einer ganzen Band aufwarten können,
hüllen sie altbekannte Stücke in ganz neue Arrangements. Dabei platzt
so mancher Knoten, den der Meister in seinen eigenen Aufnahmen nicht entwirren
konnte. "Downtown Train" etwa verliert allen schwerfälligen
Ballast, prescht hungrig und unersättlich voran.
Natürlich spielt auch der Humor eine erhebliche Rolle. Wie könnte
es anders sein, wo doch Tom Waits auf der Bühne am liebsten den besoffenen
Penner spielte und von Frauen sang, die schon so oft verheiratet waren, dass
ihr Gesicht voller Narben ist von all den Reiskörnern, mit denen sie
nach der Trauung beworfen wurden. Von solchem Kaliber ist auch Tom Waits'
Klassiker "The Piano has been drinking". Mit umwerfendem Witz schlüpft
Claus Dethleff in die Rolle des torkelnden Gossenpoeten, singt von Kneipen,
"in denen du die Kellnerin nicht mal mit dem Geigerzähler findest"
und wo dein Gesprächspartner "ein geistiger Zwerg mit dem IQ einer
Zaunlatte" ist. Claus Dethleff und Markus Zimmermann ist ein Programm
gelungen, das sowohl der Tom-Waits-Kenner als auch der neugierige Zufallsgast
mit Gewinn gebannt verfolgt. Zur größten Leistung zählt, dass
die beiden Musiker alle Stil-Häutungen dieses musikalischen Landstreichers
über 30 Jahre hindurch nachvollziehen - ganz nach einem Motto von Tom
Waits, der sagte: "Man muss in Bewegung bleiben. Immerhin hat noch kein
Hund ein fahrendes Auto angepinkelt."
Harald Ruppert