FRIEDRICHSHAFEN - Es gibt Künstler, die werden erst durch Dauerberieselung im Fernsehen bekannt. Es gibt Künstler, die das Fernsehen ignoriert. Und es gibt Tom Waits, der nie auf die Unterstützung der Medien angewiesen war. Ihm hat Claus Dethleff den Liederabend im Atrium am Freitag gewidmet.
(Von unserem Mitarbeiter Daniel Drescher)
Claus Dethleff gehört zu jener Art Künstler, die seit Jahren kreativ sind und trotzdem kaum die verdiente Beachtung bekommen. Doch das stört ihn nicht. Wie auch Tom Waits, der mit seinen kauzigen Kompositionen eher ein Dasein im Schatten von Medienimperien und Mega-Sellern wie den Rolling Stones fristet. Dass Erfolg bei der breiten Masse kein Qualitätskriterium sein muss, machen Künstler wie Tom Waits klar. Oder eben Claus Dethleff.
Viel Publikum war folglich im Atrium nicht anzutreffen, was der Atmosphäre aber keineswegs schadete. Das intime Kneipenfeeling, das auch in Gemälden wie Edward Hoppers "Nighthawks" zum Ausdruck kommt, war über weite Strecken da. Passenderweise war eine Abwandlung des weltberühmten Bildes als Bühnendeko aufgehängt.
Vom Anfang an, den Pianist Markus Zimmermann mit simpler aber bestechender Percussion und düsteren Klavierklängen einleitete, schufen die beiden Musiker eine wohlig-schaurige Stimmung. Der Abend lebte von den kleinen Geschichten, die Claus Dethleffs zu den Songs erzählte. Beinah trostlos war die Geschichte vom Werbeschild der Rasierschaum-Firma "Burma Shave", das an amerikanischen Highways wie ein Ortsschild stand und für ein Mädchen zum unerreichbaren Elysium wurde. Oder auch die Story von den "Rain Dogs", die nicht mehr nach Hause finden, wenn es geregnet hat, und ein Synonym für Herumirrende sind.
Doch Geschichten sind auch die Songs selber. Und Claus Dethleff hatte das überirdische Talent, kleine, oft auch "unbedeutende" Dinge so fesselnd zu erzählen, dass man ihm stundenlang hätte zuhören können. Seine Erzählkunst ist eine Gabe. Dethleff war völlig bei sich, wenn er von Waits Theaterproduktion "Alice" erzählte. Dann blickte er in die Ecke des Raums und erzählte von der gelben Grinsekatze aus dem Wunderland. Die Augen folgten seinem Blick, obwohl klar war, dass da keine Katze kommen würde. Denn so hatte es sich der Schöpfer von Alice im Wunderland gedacht - den Waits in "Alice" portraitiert.
Kollektive Gänsehaut
Dethleffs zweite Gabe ist seine Stimme. Ähnlich rauchig und timbremäßig sehr nah an Waits erzeugten Göttergaben wie "In the neighbourhood" oder das wundervolle "The piano has been drinking, not me" eine kollektive Gänsehaut. Das lag sicher auch am brillianten, manchmal klassisch, manchmal jazzig angehauchten Klavierspiel von Markus Zimmermann. Weitere Höhepunkte waren das magnetisierende "Time" mit passendem Hintergrund und das unsterbliche "Downtown Train" als Zugabe.
Da draußen spielen sich die Geschichten ab: Claus Dethleff zeigt in Richtung Leben, von dem er so fesselnd erzählt und singt. Foto: Daniel Drescher